Nach einer Abschieds-Grillfeier mit wahnsinns Honig-Spare-Rips und kühlen Cocktails, trennen sich nun unser aller Wege. Die Familie aus Südafrika nimmt Kurs in Richtung Florianopolis im Süden auf, um als Englischlehrer die Reisekasse aufzubessern. Die Venezuela-Connection möchte nach Manaus und mit dem Boot über den Amazonas schippern. Wir bleiben noch und fahren nach Jericoacoara durch die Dünen. Bleiben klingt so einfach und relaxed, doch es artet eher in etwas Stress aus! An jeder Ecke steht ein Einheimischer, der einem sofort den Guide mimen will, gegen Dollars versteht sich. Todesmutig springen sie einem vor das Auto, als ginge es um Leben und Tod. Sie werben damit, dass der Weg ach so gefährlich sei und es zwingend notwendig ist, hier mit Guide unterwegs zu sein. Hm, die Strecke steht im Open Streetmap Navi drinnen… mit diversen Routen… wir haben 4x4, sind höher als die Touristentaxis, was soll denn da geguided werden. Wie nicht anders zu erwarten, bestreiten wir den Weg allein - der Weg war einfach. Bei der übersichtlichen Piste war nicht einmal Untersetzung und Diff-Lock notwendig, geschweige denn Luft aus den Reifen zu lassen. Jeri erscheint uns als ein Ultra-Touristen-Dorf. An jeder Ecke macht man die Hand auf, um hier und da noch ein paar Reals vom Touri abzugaunern. Der Strand mit Blick über die Dünen hält, was er verspricht und ist wirklich sehenswert. Um den ganzen Stress hinter uns zu lassen, gönnen wir uns eine Nacht in einem Hotel. Beim am Strand entlang Spazieren ist uns eins ins Auge gefallen: Hotelzimmer mit eigenem Pool an der Stelle, wo sonst der Balkon ist. „Na gut, machen wir einfach“ denken wir uns, und es gibt nen Discount. Das Hotel hatte noch nicht eröffnet und wir sind die ersten Gäste zwei Tage vor der Premierenfeier. Um die Reisekasse nicht unnötig zu belasten, versuchen wir es an Tag zwei in Jeri mit Camping.

Nach einem Tag mit allerhand Sightseeing machen wir uns auf den Weg von einem der wandertechnisch erreichbaren Spots (so ein Felsen mit Loch und Sonnenuntergang) zum Auto. Es dämmert, man fährt am Strand entlang durch die immer dunkler werdende Gegend. Ein aufgemotzter Toyota Hilux mit ultra breitreifen und gigantisch großen Tiefbett, gefühlten 30“ Felgen, hat sich im Sand festgefahren und bittet um Hilfe. Im jugendlichen Leichtsinn denk ich mir: „da fahr ich rückwärts ran und zieh den einfach raus!“ Pustekuchen! Der Sand ist so weich, dass wir gleich selbst stecken bleiben. Rückwärts Richtung kommende Flut bewegt sich der Landy, vorwärts nicht! Also runter ans Wasser und mit viel Schwung über die Düne! Die Flut war leider schon so weit oben, dass kein fester Sand mehr vorhanden war, auf dem man fahren konnte. Mit dem letzten Schwung, ca. 28 Meter vor der festeren Piste, hat sich der Defender zu Ende eingegraben. Kathrin ist etwas stinkig, dass ich hier Retter spielen wollte und nun die Flut vermeintlich das „Zuhause“ wegspült. Hier kommt dann das erste mal die Winde zum Einsatz. 28 Meter von 30m abgewickelt, an einem vorbeikommenden Wagen angehängt und mit Untersetzung erster Gang langsam dem festen Boden entgegen gegraben. Es ist inzwischen stockdunkel, ein Sandsturm zieht auf und wir sind richtig froh aus dem Sandkasten raus zu sein. Jetzt nur noch 40 Minuten durch die Dünen und schon sind wir am Camping, easy.

 

Wir verlassen Jeri mit dem Ziel „Lençòis Maranhenses“. Im Navi sieht es so nah aus, doch bei der Routenberechnung möchte es um Himmelswillen ein 36km Stückchen nicht fahren und schickt uns über 400km außen herum. Kathrin schiebt es auf das kostenlose Navi, das mal wieder keine Route über eine Brücke berechnen will, ich denke es wird wohl einfach ein gewollter Programmierfehler sein, damit Kunden sich die TomTom Karten für MapFactor kaufen (ja ich hab es genannt… MapFactor, wie ich es verfluche). Folglich einstimmig… diese paar Kilometer müssen wir halt mal auf die Karte schauen. Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, das Navi wollte nur keine 4x4 Areas fahren… aha…. An der letzten Abzweigung endet die Straße in einem See. Wir fragen ortskundige Einheimische die uns alle bestätigen: „JA, DAS IST DIE STRASSE“ 

Für diese 36km durch Wasserlöcher, die man nur mit Schnorchel bewältigen kann, über weite Wiesen, Dünen und sehr tiefsandige Straßen, brauchen wir drei Stunden. Im Sonnenuntergang erreichen wir, am Ende der 4x4 Area, den Eingang zum Lençòis Park, Barreirinhas.

Unser Pensum an Wasserdurchfahrten ist erst mal gedeckt und wir verzichten darauf mit dem eigenen Auto zur „Lagoa Azul“ zu fahren. Hier geht es auch wieder durch sehr tiefe Wasserlöcher durch den Busch bis zum Anfang der Dünen-Landschaft. Am einen Tag eine Tour, am anderen Tag mit dem Landy hinter einem Touri Hilux hinterher zur „Lagoa Bonita“. Wir verbringen eine Vollmond-Nacht in der Wildnis und haben scheinbar den Park für uns allein.

 

Eigentlich sind wir schon viel zu lange in Brasilien. Zur kompletten WM zu bleiben würde einfach den Rahmen sprengen, ein wenig vom Flair mitbekommen möchten wir trotzdem. Unsere Route steht fest: Von Lençois über die Hauptstadt Brasilia nach Corumba und von dort nach Bolivien. In Brasilia wollen wir einfach das Eröffnungsspiel im Public Viewing sehen. Auf dem Weg nach Brasilia stellen wir fest, dass von jetzt auf gleich die Klima nicht mehr geht. An der Tankstelle an der wir auch übernachten, ist der Fehler schnell gefunden: Durchgewetzter Schlauch, toll. Interessierte Locals stehen uns mit Rat und Tat zur Seite. Was so weit führt, dass wir 80 km zurückfahren um die Hilfe von Bruno, einem englisch sprechenden Farmer, anzunehmen. Dank der aufgehobenen Sprachbarriere ist der Schlauch im Nu fachmännisch in einer Werkstatt eines Bekannten repariert. Es bleibt Zeit für das, was Brasilianer möglichst den ganzen Tag tun: Essen. Bruno lädt uns nach dem Essen auf seine Farm ein, es gibt abends gleich noch einmal Fleisch. Völlig vollgefressen und zufrieden nächtigen wir bei ihm am Hof im Nirgendwo, in Mitten von Soja-Feldern. Unser wieder knackiger gewordener Zeitplan lässt uns nicht ruhen, wir müssen weiter. Ein lange Fahrt bis Brasilia mit Übernachtungen an Tankstellen zehrt an uns (zum Glück mit funktionierender Klima). Spät abends kommen wir in Brasilia zur Rush-hour an, viel mehr Optionen außer an der Tankstelle zu schlafen bleiben uns nicht. Es gibt hier jedoch keine Tankstelle, an der auch LKWs stehen, also kein Posto, wie wir ihn kennen. Uns wird von Locals abgeraten an der von uns auserwählten Tanke zu schlafen, stattdessen lieber bei ihnen vor der Tür am Shoppingcenter, viel sicherer. Unsere Retter waren Claudio und Marcio. Wir werden gastfreundlich zum Grillen eingeladen und sehen im brasilianischen Kreis auf dem Dach ihres Apartmentkomplexes das erste Spiel der WM. Ein guter Auftakt. 

Um ein wenig mehr von den zugereisten Fans mitzubekommen, fahren wir auf einen Camping/Hostel näher ans Zentrum Brasilias.

Claudio gibt uns noch einen Tipp auf den Weg: Einfach mal die Botschaft anfragen wegen ihrem exklusiven Public Viewing für das Deutschlandspiel. Anfrage per e-Mail, Antwort mit Einladung kommt am nächsten Tag. Also schauen wir das Spiel in der Botschaft unter gleichgesinnten Deutschlandfans.

In der Einladung steht „deutsche Spezialitäten“ werden zum Verzehr gegen Bezahlung angeboten… Konkret bedeutet das: Paulaner Weißbier 25R$ (8€), Wiener mit Sauerkraut 30R$ (10€). Das lokale Brahma Bier kostet jedoch gerade mal 7R$ (etwas mehr als 2€), also gibt es deutsche Spezialitäten erst wieder in Deutschland und zwar sowas wie Schäufele und Schweinebraten. Ein grandioses 4:0 gegen Christiano Ronaldo zeigt schon mal wo es hingehen könnte. Am Abend schauen wir mal auf’s Public Viewing Fifa Fanfest. USA gegen Ghana. Ein Paar Fans aus Ghana machen Stimmung, die Amerikanischen Fans jedoch viel mehr. Unter ihnen ist Aaron, den wir schon am Camping kennengelernt haben. Er ist mit einer KTM unterwegs und hat es innerhalb von 3 Monaten zur WM geschafft. Sein Bart ist länger als meiner und wächst seit dem er das Motorrad hat (ca wie bei mir mit dem Land Rover). Aaron ist der Eintreiber der Amerikaner und ihre frühen Jubelgesänge besingen zu recht den Sieg über Ghana. Gut gemacht, Klinsi ;)

 

Unser Weg geht weiter, wir machen uns auf in Richtung Bolivien zum Grenzübergang bei Corumba. Ölwechsel steht an, all das machen wir noch in Brasilien und dann Tschüss und rein in’s neue Abenteuer, den Rest der Reise. Die Deutsche Elf wird das alles auch ohne uns machen… 

 

 

 

 

Nachtrag: Achtelfinale, ich sags ja…

 

 

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